Vorahnung

1980. Im zarten Alter von 10 Jahren entdeckte ich. Im Nachlass des Großvaters zwei alte Kameras. Dass es Kameras waren wusste ich nicht. Das hat mir mein Vater erst erklärt. Damals sagte man nur lapidar Fotoapparat dazu. Mir war der Name dieser Geräte vollkommen egal. Gab es doch so einiges an den Teilen zu entdecken. Da ging oben ein Deckel auf. Man konnte durch Sehen. Konnte an einem Teil drehen. An den anderen drücken. Mal klackte es kurz, andermal ratterte es metallisch vor sich hin. Die Spielfreude dauerte jedoch nicht sehr lange. Da der Vater dem Kind den Fotoapparat abnahm. Die Mutter diesen Apparat und einen weiteren, etwas größeren, zu sicheren Aufbewahrung vor dem Kind versteckte. Das Kind jedoch könnte sehen, wohin die Mutter die Sachen räumte.

Aus den Augen aus dem Sinn. Dieser Spruch kommt nicht von ungefähr. Den das Kind vergaß die Geräte. Wenn auch nicht für immer. Wie lange der Zeitraum andauerte, kann heute nicht mehr gesagt werden. Doch irgendwann in den Monaten danach. Suchte ich nach den Apparaten. Und fand sie auch. Und immer noch waren die wunderschön. Die kleiner mittelformatige zweiäugige Vogtländer mit Schachtsucher. Steckte in einer hell brauen Ledertasche. Deren Geruch war schon unglaublich schön.

Ich muss zugeben ich hatte mich damals schwer in die Apparate verliebt. Und, obwohl ich mit den Geräten am Spielen war.  Achtete ich darauf sie nicht zu beschädigen. Dazu war ich mir damals schon sicher. Das eines fernen Tages. Ich zum Besitzer dieser Fotoapparate  werden. Mit dieser Vorahnung schrieb ich heimlich in die Ledertasche, auf einer Innenseite. Meinen Namen und die damalige Adresse.

Ich kann mich noch gut erinnern. Das ich meinen Vater bat, den Fotoapparat einmal zu benutzen. Doch es hat sich nie ergeben. Ich glaube heute, dass es den Tatsachen geschuldet war. Das mein Vater den Umgang mit den Geräten nicht kannte. Blende, Belichtungszeit waren böhmische Dörfer. Und wie musste der Rollfilm in die Kamera eingelegt werden.  Dazu war es in der DDR auch alles andere als einfach.  Einen Rollfilm zu erwerben.  Und wo man den entwickeln lassen konnte, war wahrscheinlich auch nicht ganz einfach. Ich kann mich zwar erinnern. Das es in meinem Stadtteil einen Fotografen gab. Und auch das man sehr lange warten musste. Wenn man einen Film zum Entwickeln abgab. Schwarzweißfilme waren dabei schneller als Farbfilme. Was ich auch nicht genau sagen kann.

Das die beiden alten Fotoapparate den Umzug in die BRD Mitte der 1980er Jahre mitmachten. Ist für mich heute ein kleines Wunder. Auch die weiteren Umzüge haben die beiden mitgemacht. Selbst die Trennung der Eltern ließen die Apparate nicht verschwinden. Auch, wenn es Absichten gab. Die Fotoapparate zu verkaufen. Waren sie schließlich schon sehr alt. Doch zu meinem Glück. Wurden beide Apparate schon in großen Stückzahlen gebaut. Und ihr Zustand ist bei Sammlern nicht gut angesehen. Für mich jedoch sind sie unbezahlbar. Und so war ich überglücklich, als mir mein Vater beide geschenkt hat.

Heute stehen beide in der Vitrine und zeigen sich von ihren schönsten Seiten. Und ab und an darf eine der beiden. In die Freiheit um als Motiv zu dienen. Wie bei dem Shooting mit Sandra.

Bis heute hab ich mit beiden kein einziges Bild gemacht. Die größere der beiden Kameras wird noch mit Plattenfilme benutzt. Ob und wo man solche Plattenfilme kaufen kann, weiß ich nicht. Auch nicht, wer noch in der Lage ist diese zu entwickeln. Und der Faltenbalg ist an einer Stelle leider auch defekt. Genau wie die Mattscheibe. Für mich ist sie die einzige Erinnerung an meinen Opa. Den ich nicht lange erleben durfte. Wahrscheinlich hab ich die Leidenschaft zur Fotografie von Ihm geerbt. Wohin meine Reise als Fotograf gegangen wäre. Wenn mir der Opa die Fotografie erklärt hätte?

Erst sehr viel später bin ich zur richtigen Fotografie gekommen. Zur richtigen deshalb, weil ich vorher mit kleinen einfachen Analogfotoapparaten geknipst hab. Erst mit Ende 20 kaufte ich die erste analoge Spiegelreflexkamera.

Jetzt hab ich viel gesagt zu der Geschichte der Kamera auf dem folgenden Bild. Viele Gedanken die mir beim Betrachten des Fotos einfallen.

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