Unvorbereitet

Raus. Ich musste raus. Was anderes sehen. Andere Luft schmecken. Anderes Licht sehen. Zeit zum Nachdenken gewinnen, ohne ins Grübeln zu kommen. Zeit für mich alleine. Egal was es kosten würde. Egal wie lange es dauern würde. Einfach raus. Einfach weg.

Jedoch nicht so weit. Das es nach Flucht aussieht. Nach einem Weg ohne Rückweg. Einfach raus. An einen Ort wo Wasser ist. Möglichst viel Wasser. Den Wasser ist aller Leben. Ohne Wasser gäbe es nichts. Doch einen Plan gab es nicht. Wozu auch.

Ein guter Freund sagte die Tage den bekannten Satz > Der Weg ist das Ziel.< Klar kannte ich den Satz schon. Und auch seine Bedeutung. Doch an dieses jenem Samstag Nachmittag bekam er eine andere Bedeutung. Den dieses Mal war das Ziel definiert. Der Weg dahin jedoch nicht.

Ein Ziel was so hoch und so weit weg zu sein scheint. Doch an diesem Samstag Nachmittag gab es ein Zwischenziel. Der Anfang vom Ende. Hinaus ins Licht. Auch, wenn es das Abendlicht sein würde. Hauptsache Licht.

Und so packte ich den Fotorucksack rappelvoll. Ich hatte ja keine Ahnung wo lang der Weg gehen würde. Drei Linsen und zwei Kameras. Stativ. ND Filter. Massenhaft Akkus. Wenn die kleine Olympus nicht defekt gewesen wäre. Was sie eigentlich auch noch ist. Wäre sie auch im Rucksack gelandet.

Okay es ist schon etwas übertrieben. Mit drei Kameras und fünf Linsen auf eine Tour zu gehen. Wo man noch nicht einmal weiß. Was am Ende das Motiv sein wird. Aber an dem Tag hab ich mir da nicht viele Gedanken gemacht.

Überhaupt stellt sich die Frage dazu. Wieso braucht es drei Kameras? Nun das ist eigentlich relativ schnell zu beantworten. Ich kann mich von diesen Teilen nicht wirklich gut trennen. Nur eine einzige Kamera von mir hat den Besitzer gewechselt. Das war meine Canon 600D. Sie war eine gute Kamera. Und die Bilder welche sie machte. Waren gut. Wenn ich das richtige Motiv ausgewählt hatte. Doch leider hatte sie einen kleinen Nachteil. Ein Nachteil, den ein normaler Nutzer fast nie erleben wird.

Bei dunklen Motiven, wie Nachtaufnahmen aus der Hand ohne Stativ. War und ist die Canon 600D sehr Rausch-empfindlich. Und die schnellste war sie auch nicht. Doch war sie immer ein gutes Werkzeug. Und hat mir bei meiner Entwicklung geholfen.

Ihr Nachfolger wurde die Canon 70D. Eine perfekte für alles mögliche Kamera. Welche heute noch mit einem 11-16 mm Tokina Objektiv im Einsatz ist. Im Übrigen ist es eine super Kombination von Kamera und Linse. Besonders wenn es in die Landschaftsfotografie geht. Ihr Nachfolger ist die Canon 6D. In der Ausführung 2. Diese Kamera ist zum Hauptwerkzeug aufgestiegen. Einsteiger Vollformat. Und auch knapp 2000 Euro billiger. Als eine Canon 5D Mark IV. Für mich persönlich, das perfekte Arbeitsgerät. Pixelzähler und Techniknerds werden an der Stelle den Kopf schütteln. Sollen sie ruhig. Denn mit einer viel teureren und gegeben falls besseren Kamera. Würde ich auch keine besseren Fotos machen.

Neben der Canon 70D und der Canon 6D gibt es noch die kleine Olympus OMD-E 10 Mark 2. Sie kann alles, was die anderen beiden auch können. Gute Bilder machen. Und dazu kann sie noch eine Menge mehr. Zu einem kleinen Preis. Zeitraffer sind mit ihr ohne Zubehör möglich. Etwas was die Canon nur mit einem zusätzlichen programmierbaren Fernauslöser können. Selbst die so hochgelobten Sony Alpha 7 Serien. Müssen dazu eine teuer bezahlbare App aufgespielt bekommen.

Das Schöne an der kleinen Olympus ist. Man kann mit Ihr wunderbar Streetfotografie betreiben. Das Teil ist so klein. Keiner kommt auf die Idee. Das man ein ambitionierter Semiprofessioneller Fotograf ist. Man wird für einen normalen Touri gehalten. Wenn man überhaupt als Fotograf erkannt wird.

Doch zurück zu den angesprochenen Samstag Nachmittag. Neben den Fotorucksack landeten noch die kleinen Systemblitze, eine Isomatte, eine Wolldecke, eine Jacke etwas zu trinken und eine Packung Reiswaffeln im Auto. Nach einem kurzen Zwischenstopp an der Tankstelle ging die Fahrt los. Richtung Norden.

Der erste Einfall für ein Foto war Duisburg. Landschaftspark Nord. An einem Samstagnachmittag bei gutem Wetter allerdings vollkommen überlaufen. Und man war schon viel zu oft da. Und so fuhr ich an Duisburg ohne Stopp vorbei.

Zweite Idee Münster Marktplatz. So richtig warm wurde ich nicht mit dem Stopp. Ich hab mich zu wenig mit der Stadt beschäftigt. Und für eine Stadtbesichtigung, damit man Motive findet, hatte ich wenig Lust. Dazu sind im Zentrum einer Stadt meist viele Leute unterwegs. Auch in Coronazeiten. Und auf die hatte ich keine Lust. Wollte ich doch alleine sein. Bevor ich mit den Gedanken. Und ein paar anderen Gedanken zu Ende war. Lag Münster auch schon wieder weit hinter mir. Ähnliches trat dann mit Osnabrück ein.

Rechte Spur. Tempomat auf 120 eingestellt. Abstandsradar und Spurhalteassistenten aktiviert. Rollte gedankenversunken ich immer weiter Richtung Norden. Dahin wo Wasser ist. Und so erschrak ich dann doch als Bremen erreicht war. Fast 300 km ohne ein einziges Bild. Ohne eine Idee zu haben. Ja noch nicht einmal einen Plan davon. Was ich überhaupt will.

Im Kopf kreisten die Gedanken. Bremen. Bremerhaven. Wilhelmshaven. Wasser. Schiffe. Hafen. Hamburg. Freihafen. Knapp 90 km weiter. Da gibt es doch ein Motiv. Was ich gerne selbst einmal fotografieren möchte.

Und so passierte eines. Blick in die Wetterapp. Zwischen 20 und 22 Uhr sollte es trocken sein in der Hansestadt an der Elbe. Sonnenuntergang. Irgendwann zwischen 21 und 22 Uhr. Leicht Bewölkt. Der Plan war da. Ein Spot jedoch nicht.

Navi im Auto an. Zoom ins Zielgebiet. Viele verschiedene Häfen. Aber wohin? Im Handy nach der Schiff live Anzeige gesucht. Uii. Ein großer Kahn lag im Hafen. Zoom im Navi. Die Straße müsste es sein. Ziel angewählt. Los gehts. Geschwindigkeit im Tempomat auf 140 erhöht.

Tja und dann angekommen. 2010/2011 war ich beruflich monatelang in Hamburg. Und auch im Freihafen. Doch ich hab ich wenig Erinnerung daran. Wo und wie man an die Schiffe herankommt. Kommt man überhaupt an eine Stelle, an der man fotografieren kann. Um Ehrlich zu sein. Ich hatte null Plan. Was mich erwartet. Und mich hat einiges erwartet. Straßen gesperrt. Privatstraßen. Abgeschlossene Firmengelände. durchfahrtsgesperrte Hubbrücke. Ich eierte über die Straßen des Hafens. Sah die Kräne. Wusste nicht wie ich dahin komme. Hierum darum. Weg versperrt. Neuer Weg. Neues Ziel im Navi. Nichts klappte. Das Licht ging auch langsam weg. Navi sagt rechts rum. Ich bog links ab. Irgendwann war ich am richtigen Hafenbecken. Auf der richtigen Seite. Doch Bahngleise. Firmen und eine Autobahn im Weg. Wieder ein Stück zurück. Rechts rum. Baustellenstraße. Egal. Einfach mal fahren. Brachte nichts. Umdrehen.

OH was ist das. Ein großes Schiff. Und ein Fußgängerübergang. Okay besser ein Bild von oben. Als gar kein Bild. Parkplatz suchen. Raus aus dem Auto. Rucksack auf die Schulter.

Der Fußgängerüberweg entpuppte sich als Provisorium. Gerüstbau. Metallbleche die unter jedem Schritt federten und knarren. Als würden sie in jedem Moment den Dienst verweigern. Egal wird schon gehen. Wenn man alleine da obendrauf steht. Doch alleine war ich nicht. Einer war schon da. Und hatte natürlich schon den besten Platz. Aber es gab die Möglichkeit 2 Meter weiter weg zu stehen. Und dazu noch etwas tiefer. Und wie ich fand. War es sogar der bessere Blickwinkel.

Ein kurzer Plausch mit den anderen Fotografen. Er kannte sich auch nicht aus. Sagte er. Näher ran an das Schiff würde es auch nicht gehen. Direkt am Kai vor uns. War eine Baustelle. Links daneben die Firma, welche das Schiff be und entlädt. Neben der Baustelle rechts. Das ummauerte Gelände der Wasserschutzpolizei. Die Beamten zu fragen. Ob mal auf das Gelände darf. Nur um ein paar Bilder zu machen. Ein Vorhaben, welches nicht positiv enden würde.

Dazu kam, dass immer mehr Leute mit Fototechnik an und auf dem Fußgängerüberweg auftauchten. Ich wurde egoistisch. Den Platz aufgeben, um keinen besseren Spot zu finden. Das wollte ich dann doch nicht.

Interessant wurde es allerdings. Das die Neuankömmlinge in besten Hamburger Dialekt fragte. Ob es noch einen anderen Spot geben würde. Wo man näher an das Schiff kämme. Diese Frage konnte ich nicht beantworten. Hätte ich wahrscheinlich gerne gemacht. Wenn ich den Spot gekannt hätte.

Es verging knapp eine Stunde. Das Licht wurde interessant. Schöne Wolken am Himmel. Die Beleuchtung auf den Schiff ging an. Bild um Bild landeten auf der Speicherkarte. Ich war zufrieden. Auch damit das sich die inzwischen gut und gerne 10 Leute vor Ort. Langsam und vorsichtig auf dem gerüstähnlichen Fußgängerüberweg bewegten. Man nahm Rücksicht auf die anderen.

Knapp eine Stunde, vielleicht auch länger. Verbrachte ich damit Bilder zu machen. Verschiedene Blenden und Belichtungszeiten. Hab ich ausprobiert. ISO hoch wieder runter. Es hat richtig Spaß gemacht. Auf dem Weg zum Auto zurück. Kam mir dann noch die Idee. Hamburgsprachtbau zu besuchen. Aber noch in dieser Nacht? Ohne vorher einen Spot zu haben. Noch einmal stundenlang umherirren?

Und so tippte ich als Zieladresse „Zu Hause“ ins Navi ein. Es reichte an dem Abend. Ich hatte mein Bild. Ich war zufrieden. Mein Kopf war freier. Und so ging es gemächlich Reiswaffeln kauend wieder nach Hause.

Ich fühlte mich besser. Wieder etwas freier. Das es noch nicht das Ende an fotografischen Arbeiten in der Nacht war. Wusste ich zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht. Was ich allerdings wusste. Ich selbst war auf dem Weg der Besserung. Langsam zwar, aber es ging bergauf.

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