Erich

Erich Fritz Emil war ein großer wenn auch körperlich kleinerer Mensch. Ein Mensch der seiner Zeit weit voraus war. Sein Leben fing völlig unspektakulär an. Geburt, die ja ein jeder hat, Schule, Lehre und dann wurde er Siemensjaner. Siemensjaner, um es mal kurz zu verdeutlichen, sind quasi besser bezahlte Beamte ohne Beamtenstatus, die ihren Broterwerb bei der Siemens AG nachkommen. Wer jetzt meint Siemensjaner haben es toll, dem sei gesagt, das Siemensjaner es verdammt schwer haben einen neuen Broterwerb zu finden. Wenn sie aus der Siemensfamilie herausgedrückt worden.

Auch der Erich hatte es schwer, hat er doch etwas gemacht was dem Familienoberhaupt der Siemensjaner gar nicht gefallen hat. Erich Fritz wurde arbeitslos.

Erich war, doch das kann man durchaus sagen, ein Anti. Was ihn schon in jungen Jahren zu betreuten Wohnen ohne Ausgang brachte. So als Arbeitsloser mit viel Zeit kommt der junge Mensch schon mal auf dümmliche Ideen. Welche der Gesetzgeber nicht so richtig lustig findet. Gar nicht lustig. Betreutes Wohnen ohne Ausgang, Flucht und Auswanderung. Erich war viel Jahre quer durch Europa unterwegs. Und das in einer Zeit in der es keinen ICE, Billigflieger und Autobahnen gab. Reisen hatte damals schon etwas mit Genuss zu tun. Eile mit Weile. War ein Dampflok gespannter Zug in seiner Zeit alles andere als schnell.  Mit 60 – 70 km/h im Durchschnitt überholt heute jeder Kleinwagen und jedes E-Mobil. Ohne die sagenhaft schöne Soundkulisse einer Dampflok. Was ja auch ein nicht unterschätzender Sicherheitsaspekt ist. Überhört man ein Dampfross nur sehr selten.

Das Auswandern war am Ende doch nichts für den Erich Fritz. Trotz schulischer Weiterbildung entschied er sich zu einer Rückkehr in seine Geburtsstadt. Heimat ist da wo die Wurzeln sind  könnte man sagen. Dort begann die Wandlung des Erich Fritz. Geschickt hatte er die Seiten gewechselt. Und war mit einmal Führungskraft in der Obrigkeit.

Ohne Abitur zu einer solchen Position zu kommen, zeug schon von Ausdauer und Ellenbogenkampf. Erich war ein Kämpfer. Für sich für andere für seine Ideale, welche er bereits mit der Muttermilch aufgesaugt hatte. Erich Fritz hatte Ziele, durchaus löbliche Ziele. Auch wenn er meist über das Ziel hinaus schoss.

Erich machte des Amerikan Way of Life. Vom einfachen Arbeiter zum CEO eines großen Unternehmens. Mit 16.000 Mitarbeitern und über 100.000 Freiberuflern. Mit zahlreichen Niederlassungen und Tochterunternehmen. CEO eines Unternehmens von perfekter Struktur und optimalen Betriebsabläufen. Und einer Effizienz, die von den Großkonzernen der modernen Welt heute immer noch nicht erreicht wird. Und gleichzeitig wurde Erich Fritz vom einfach Bürger zu einem Spitzenpolitiker.

Der Aufstieg hatte natürlich auch negative Auswirkungen. Beliebt war Erich Fritz nicht. Oder nur im kleinen Kreis. Im eigenen Unternehmen gefürchtet von der Bevölkerung gehasst. Gut das geht heute jedem CEO und Politiker so.

Bemerkenswert ist allerdings. Mit welchen Personal und technischen Möglichkeiten Erichs Unternehmen noch arbeiten musste. Welche Ablehnung im Volke dabei vorhanden war. Einer Ablehnung die heute nahezu verschwunden ist. Ja überhaupt nicht mehr vorhanden ist.

Heute braucht es kein Unternehmen mehr, welches von einem Visionär Erich Fritz Emil Milke geführt wird. Braucht es keine 16.000 Mitarbeiter und unzählige Freie Mitarbeiter. Heute braucht es nur ein wenig Technik und die unglaubliche Dummheit der Bevölkerung.

Können wir uns noch an die Debatten erinnern, welche bei der Einführung der EC Karte durch die Medien liefen? Von Überwachung wurde da noch gesprochen. Der Mensch wurde gläsern sagte man. Nein wir haben diese Bedenken verdrängt, da die Bequemlichkeit siegte. Mal schnell an der Kasse die Karte gezückt, statt mühsam Bargeld zu suchen. Was soll da schon passieren? Die Möglichkeiten auszuwerten, was wir gerne kaufen, wo wir kaufen und in welchem Abstand. Erkannten wir nicht. Wollten wir nicht wissen. Und gaben dabei ein Stück unserer persönlichen Freiheit bedenkenlos ab. Das wir die Menschen, welche uns vor der Überwachung gewarnt haben, als Dummköpfe und Hinterwälder ausgelacht haben. Auch das haben wir verdrängt.

Hätten wir doch nur schon damals auf sie gehört. Es hätte selbst uns auffallen müssen. Gab es doch schon in den 90er personalisierte Werbung. Glauben sie nicht?

Kaum war man Volljährig also 18 Jahre alt.  Konnte man alles das besuchen, anschauen, bestellen was vorher nicht möglich war. Besonders reizvoll war das Rote Gewerbe. Jedenfalls bei jungen Männer. Kaum 18 wurde mit tief gesenktem Kopf und unsicherem Blick der Sex Shop in der großen Stadt besucht. Später dann wurde bei Beate Spielzeug zum Experimentieren bestellt. Noch mit Postkarte im Briefumschlag oder telefonisch aus der Telefonzelle.

Klappte für damalige Zeiten recht gut, auch wenn jeder wusste, woher die neutral verpackten Päckchen kamen. Auch wenn man nur einmal bei Beate bestellte. Bekam man wenig später kostenlose Kataloge von den Mitbewerbern Beates zugesendet. Orion und Dr.Müller wollten uns auch gerne als Kunden begrüßen. Woher man unsere Adresse hatte, wollte man uns nicht sagen.

Die Zeiten haben sich nun geändert. Ob zum Guten oder Schlechten liegt im Auge des Betrachters. Milkes analoge Datenbank ist heute digital. Die Sammelwut der nicht staatlichen Organisationen kennt keine Grenzen mehr. Alles wird inzwischen gesammelt. Einkaufsverhalten, Bewegungsprofile, Telefongespräche. Wer mit wem wann und wie lange gesprochen hat. Jede noch so sinnfreie App schickt Daten irgendwohin.

Der Mensch ist so gläsern wie noch nie geworden. Und alle machen mit. Machen freiwillig mit. Stellen sich Alexa und Co ins Wohnzimmer. Schleppen Handys rund um die Uhr mit. Präsentieren ihr Leben live in Facebook, Instagram und Co. Weil es einfach so hip und Cool ist. Der Gang zum Radio um dieses einzuschalten wird Alexa überlassen, Heizung auf oder aus, Licht an oder aus geht nicht mehr analog. Da muss SmartHome verwendet werden.

Für die persönliche Sicherheit, werden Kameras in Haus und Wohnung installiert. Hübsch mit dem Internet verbunden. Man muss sein Eigentum schließlich überwachen können, selbst wenn man tausende Kilometer weit weg ist. Hat aber den Vorteil, das der moderne Dieb erst einmal im Vorfeld nachschauen kann, ob sich der unfreundliche Besuch im Objekt der Begierde lohnt. Der Hausherr*in kann dann ganze entspannt, an einem karibischen Strand mit einem kühlen Drink in der Hand, zu sehen wie sein Eigentum den Besitzer wechselt.

Apps, Smartwatch, SmartHome, Kameras in jeder Zimmerecke, Handy und Navigationsgeräte alles das soll dem geneigten Kunden ein Sicherheitsgefühl vermitteln. Doch eine 100 % Sicherheit gibt es nicht, gab es nicht und wird es nie geben. Sicherheit ist eine Illusion. Sicherheit ist nur der Zeitraum zwischen zwei Zwischenfällen.

In Schweden hat man aus Gründen der Sicherheit das Bargeld abgeschafft, bzw ist dabei es abzuschaffen. Die Mensch jubeln. Wird doch dadurch die Kriminalität reduziert. Soweit richtig wenn man von Kleinkriminalität spricht. Doch die dicken Fische wird das kaum stören. Die haben andere Weg und Lösungen gefunden.

Und der „normale“ Mensch? Der wird irgendwann den Mund halten müssen. Schließlich braucht nur zwei bis drei Klicks um sein Leben digital auszulöschen.

Von diesen Möglichkeiten konnte der Erich nur ansatzweise träumen. Die freiwillige Überwachung der Bevölkerung. Und Gegner die sich mit ein paar wenigen Mausklicks ausschalten lassen.

Die moderne vernetzte Welt gaukelt uns Freiheit vor. Doch hat sie uns die Freiheit schon lange genommen. Still und heimlich durch die Hintertüre.

„Was wollen die bei mir schon abhören? Ich hab nichts zu verbergen“, höre ich die Menschen sagen. Mag sein. Kommt immer auf die Betrachtungsweise an. Kannst du aber mit Sicherheit sagen, dass du in 10 oder 15 Jahren noch systemkonform bist? Findest du es noch gut, wenn dir unzählige Firmen und staatliche Behörden, ungefragt beim sexuellen Spiel zusehen und hören?

Die Medaillen haben bekanntlich zwei Seiten. Und man sollte ab und an auch einen Blick auf die nicht sichtbare Seite werfen. Und sich dabei fragen, ob und wieweit man dabei mitmachen will.

So am Ende bleibt nur noch zu sagen. Ich trage keinen Aluhut, bin kein Querdenker, kein Technikmuffel. Nur ein Mensch der sich getraut hat auf die zweite Seite der Medaille zu schauen.