Donnerstag

Unruhig war die Nacht. Ich hab ein etwas feuchte Gefühl in meiner Lendengegend. In den frühen Morgenstunden. Als eine Stimme aus dem Nebel irgendwie zu mir dringt. Unbarmherzig redet diese Stimme auf mich ein. „Was ist mit dir? Geht es wieder? Oder soll ich den Arzt rufen? Man red, ich muss auf Arbeit.“
Die Stimme kommt mir sehr vertraut vor. Es muss eher Tanja sein als Olga. Und doch passt es nicht zu einer dieser Personen. Man o, irgendwer zieht mir die Bettdecke weg. Und so schlag ich die Augen auf. Und blicke in des wenig freundliche Gesicht meiner Frau. Was macht die in der Klinik? Ich versteh nur Bahnhof. Und frag einfach.“ Was gibt es zum Frühstück? Wieder Orangensaft?“
Mich schauen zwei vollkommen entgeisterte Augen an. „Das was du dir machst. Ich muss los. Und schau zu, das die Spülmaschine heute Abend wenigstens ausgeräumt ist.“
Rums die Haustüre fliegt ins Schloss. Vollkommen von der Rolle kletter ich aus den Bett. Das Hirn beginnt langsam zu arbeiten. Und das schon vor der ersten Tasse Kaffee. Merkwürdig. Alles ist hier vertraut. Ist ja auch schließlich mein Heim. Also nicht so ein Heim für alte oder minderbemittelte. Ähm Sorry Menschen mit Handicap. Nein es ist mein Hause. Wobei ich mich an vielen Orten der Welt zu Hause fühle.
Zu Hause ist da wo das Herz schlägt, sagte mal jemand. Ich muss das berichtigen. Zu Hause ist da wo da Herz freier und ein ganz klein wenig schneller schlägt. In Dresden schlägt es am schnellsten, dann auch noch in Wien, oder im Allgäu und an der Ostsee. Hier zu Hause schlägt es nicht schneller aber freier. Komisches Organ dieses Herz. Richtiger Ort, richtige Person dann schlägt das Herz so schnell, dass es fast flimmert. Zwar nicht gut für den Blutdruck, aber ungefährlich. Richtige Person am falschen Ort. Könnte den Verdacht nah Legen, man würde sich hier Wohlfühlen. Falsche Person am richtigen Ort. Kommt einer Sinuskurve gleich. So ein ständiger Tempowechsel. Vergleichbar mit einer Fahrt am freitagnachmittags im Berufsverkehr. Vollgas. Vollbremsung dazwischen gibt es nichts.  Ja und dann gibt es ja noch falsche Person am falschen Ort. Was nahezu einem Herzstillstand gleicht. Und dieses muss vermieden werden.
Während ich diese nahezu unglaubliche These erörtert habe. Hab ich erfolgreich die Morgentoilette erledigt. Tick ich jetzt anders? War die Reihenfolge nicht eine andere? Ich bin verwirrt. Langsam lauf ich Richtung Haustür, dabei stell ich mit Freunden fest. Das ich Unterhemd und Retroshorts gegen das Flatterhemdchen doch irgendwann getauscht haben muss. Okay es geht wieder aufwärts in meinem Leben. Kleidungstechnisch jedenfalls. Noch wenige schritte bis zu Haustür. Und ich mach dabei das, was 99 % aller Männer machen. Wenn sie sich unbeobachtet vorkommen. Mit einer Hand die Lage des Gemächtes prüfen und gegebenenfalls ein wenig korrigieren. Die andere Hand nutze ich um zu prüfen, ob die Haustür verschlossen ist. Also so richtig abgeschlossen.
Irgendwie hab ich es dabei übertrieben. Den das Türblatt donnert gegen meinen dicken Zeh. Zwei Sachen werden mir dabei klar. Ich bin nicht eingesperrt. Und um Türen sollte ich einen größeren Bogen machen. Oder sie vorsichtig nutzen. Und ich muss die Unterhose dringend wechseln.  Mit schmerzverzogenen Mundwinkel und schwer humpelt, schleppe ich mich in die Küche. Kaffee muss her. Und um den körperlichen Frieden wieder herzustellen. Muss ich morgen dringend auf die Reihenfolge meines morgendlichen Tagesablauf achten. Erst Klo scheint nicht richtig zu sein und verursacht im weiteren Verlauf verzichtbare Schmerzen.Und so schreibe ich mir einen wichtigen Merksatz in Kleinhirn. (Sicherheitshinweis. Wenn ich mit mir selbst rede. Verwende ich durchaus vulgäre Wörter. Die in den Texten eigentlich nichts verloren haben. Ab und an. Überrumpelt mich mein Wortschatz so sehr. Das eines dieser vulgären Wörter den Weg über die Finger in den Text bewältigt.) Kaffeemaschine, Pissen, Kaffee holen, Kippe, kacken. Diese jahrzehntelange Praxis hat immer reibungslos funktioniert. Und nie zu irgendwelchen Schmerzen geführt. Diese kamen erst später.
Der Kaffee läuft jetzt langsam dampfend in die Tasse. Zeit sich um die Unterhose zu kümmern. Sollte es in meinem biblischen Alter tatsächlich noch möglich sein. Einen nächtlichen Samenerguss zu haben? Zum Erstauen aller Hirnzellen, stelle ich fest. Ja es ist möglich. Dieses hier in der Öffentlichkeit zu erwähnen, macht mir keine Sorgen. Ist so ein nächtlicher Samenerguss durchaus natürlich. Jedoch nicht Salonfähig. Man spricht nicht darüber. Außer man ist alt genug um über diesen gesellschaftlichen Schweigegelübde zu stehen, was in meinem Fall eingetroffen ist. Hat auch Vorteile so ein wenig mittelalt zu sein. Mittelalt. Ist quasi der Zeitraum. Wo man noch zu jung ist um in die Altersresidenz abgeschoben zu werden. Jedoch zu alt um in der Disco noch eine neue Bekanntschaft zu schließen. Unsereins wird das Jungmumienschieben empfohlen.  In Kennerkreisen auch Ü40 Party genannt. Bitte diese nicht mit den Resteficken verwechseln. Jenes wird nur in, mit viel Rotlicht beleuchteten ansonsten recht dunklen, PartyClubs 18+ absolviert. Darüber gab es letztens einen Beitrag auf YouTube. Sonst wüste ich das auch nicht. So kann ich aber mit gesunden Halbwissen glänzen. Ich sollte doch in die Politik. Halbwissen ist der Schlüssel zum Erfolg. Wenn man sich dazu gut selbst vermarkten kann. Daran scheitert es bei mir allerdings. Mist keine Politik, dafür einen neue Unterhose. Und endlich Kaffee. Lecker.
Frisch bekleidet. Mit Heissgetränk in der Hand. Kann ich mich auf den Weg in den Garten machen. Die Kippe ruft. Unterwegs pack ich noch das MacBook ein. Soll sich ja auch lohnen. Kaffeeschlürfend, Kippe qualmen lassen sich die neuen kreativen Werke. Der anderen Blogger gut lesen.
Kaum sitze ich draußen im Garten fällt mir auf. Das ich gar keine Feuerzeug bei mir hab. Sofort kommt mir mein neuer Merksatz in den Sinn. Hilft zwar nicht, vertieft ihn aber. Und so mach ich mich auf um mir besagtes Objekt zu holen. Kaum im Haus fangen die Fellnasen ein lautes Spektakel an. Ich dreh wieder um. Da ich ja nun nachschauen muß, was da los ist.
Vor dem Tor steht ein Herr, nicht jung nicht alt. Scheint so meine Altersliga zu sein. Als er mich sieht, reist er die Augen auf. Ich schau ihn selbst etwas sparsam zu Ihm.
„Ja bitte?.“, frag ich Ihn.
„Sie sind auf den Beinen?“, fragt er zurück. Was für ein Benehmen. Eine einfach Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten. Ungehobelter Kerl. Widerlich. Aber echt.
„Naja. Anders geht es nicht. So sportlich bin ich nun wirklich nicht. Um auf Händen zu laufen. Und ganz ehrlich. Als kleines Kind. Hab ich so rein zufällig. Beim Krabbeln durch die Wohnung. Das Laufen auf zwei Beinen entdeckt. Und wissen sie was? Das geht besser und schneller als krabbeln. Ich hab es beibehalten. Nur womit kann ich ihnen helfen. Kaufen tu ich nix. Spenden schon mal gar nicht. Und die Religion will ich auch nicht wechseln. Meine Rechnung hab ich ausnahmsweise auch alle rechtzeitig bezahlt. Also Butter zum Schnitzel. Was möchten sie?“, mein Monolog hatte ich zwar noch nie so gesprochen. Aber ich fand ihn unglaublich geil.
„Okay. Sie kennen mich wahrscheinlich nicht. Deshalb stelle ich mich mal kurz vor. Dr. Markus Reimer. Ich bin Ihr behandelter Arzt. Auch wenn Sie davon wahrscheinlich noch nichts wissen..“, antwortet er ganz freundlich.
Verdattert schau ich ihn an und öffne das Gartentor um ihn herein zu lassen. Mein Wuffschnutten werden mich schon beschützen. Hoffe ich zumindest, dabei hab ich Bedenken bei dem ELO. Für ein gutes Leckeren verrät er sein Herrchen locker.
„Gut dann erklären Sie mir es. Ich bin gerade bei Kaffee. Möchten sie auch einen?.“, inzwischen bin mehr als neugierig. Was er mir so zu erzählen hat. Vielleicht sagt er ja was, wo Olga und Tanja abgeblieben sind.
„Danke gerne. schwarz reicht.“, antworte er freundlich und will ins Haus rein laufen. Das geht dann doch zu weit. Doktor hin oder Professor her. Wer in mein Haus geht bestimme immer noch ich. Basta.
„Moment Herr Reimer.“ ich hab mir angewöhnt Ärzte nie mit Doktor anzusprechen, „Das Wetter ist schön. Da schmeckt der Kaffee an frischer Luft viel besser. Lassen sie uns hier hinsetzten.“ dabei zeige ich auf die Außensitzgruppe. Und er verseht sofort, das ich nicht gedenke ihn ins Haus zu lassen. Er nickt nur. Und setzt sich auf einen der Stühle. Während ich ins Haus gehe um den Kaffee zumachen. Sowie, was noch viel wichtiger ist, das Feuerzeug holen.
Mit Kaffee und Feuerzeug bewaffnet setzte ich mich dem Herrn Arzt gegenüber. Der freundlicherweise sich nicht auf meinen Lieblingsplatz gesetzt hat. Das wäre es ja noch gewesen. Schiebe ihm den Kaffee zu, nehme meine Tasse selbst in die Hand. um einen ersten Schluck des inzwischen nur noch lauwarmen Gebräus zu trinken. Um dann ganz selbstverständlich mir meine wohlverdiente Kippe anzustecken.
Er schütteln den Kopf als Zeichen seiner Missachtung meiner Nikotinsucht. Ich lass Ihn schütteln. Sterben muss auch er, ob das früher oder später ist. Als mein eigenes Ableben, wird das Schicksal entscheiden. Er aber nicht.
Dann fängt er an zu erzählen. „Nun ich bin seit Dienstag Abend ihr Arzt. Davon haben sie mit Sicherheit nicht viel mitbekommen. In ihrem Zustand.“
„EH ich trinke keinen Alkohol und nehme auch sonst keine Drogen.“, falle ich ihm ins Wort.
„Nein das meine ich auch nicht. Man hat mich als Arzt gerufen. Weil Sie. Sagen wir es mal vorsichtig. Vollkommen neben der Spur waren. Die Polizei hatte sie aufgegriffen als Sie splitter faser nackt erst durch das ganze Dorf gelaufen sind. Dann haben sie den Bus nach Erkelenz genommen. Meistens laut singend. Aber die meiste Zeit riefen die was Von einer Ticketliste und sie würden das neue Soll erfüllen. Kostet es was es wolle. Und wenn alles in Flammen stehen würde. Sie würden das Soll schon erfüllen. Ein Nachbar hat sie die ganze Zeit begleitet. Auch noch als sie versucht haben ihn zu küssen. Und ihn Natascha nannten. Zum Glück hat er sie trotzdem weiter begleitet. So konnte die Polizei sie nach Hause bringen. Und dann bin ich ins Spiel gekommen. Um kurz zu erklären. Ich hab sie einfach schlafen gelegt. Die kleinen Kratzer an den Füssen und Armen mußten nicht behandelt werden. Auch wenn die in unserem Aller ein wenig langer abheilen.“
Ich hörte ihn gespannt zu. Allerdings hatte ich inzwischen einen hochroten Kopf. Ich, mit meiner Dirkifigur nackt durch die Straßen. Ich werden wegziehen müssen. Jetzt bin ich nicht nur der blöde Zugezogene. Jetzt bin ich auch nicht der duschgeknallte Spinner, wo sie alle schon wussten. Das ich nicht richtig bin im Hirn. Na Toll.
Er schien meine Gedanken zu erahnen. „Keine Angst, nur eine Person aus diesem Ort weiß das sie es waren. Der Nackt mit einen Fan Schal von Schalke04 über das Gesicht gewickelt durch die Straße gelaufen ist.“ Er grinste dabei. „Wie kommt ein SG Dynamo Dresden Fan zu einem Schalke Schal?.“
Ich stammelte nur, „Das ist ne komische Geschichte. Möchten sie diese wirklich hören?“
Er lachte nur. „Nein nicht nötig. Dynamo gefällt mir eh besser als Schalke. Nun ich hatte Sie am Dienstag schlafen gelegt. Gestern vormittag hatte ich nach ihnen geschaut. Wie sie die Narkose, was anders war es nicht. Verkraftet haben. Wann sind sie wach geworden, wenn ich fragen darf?“
Ich schaute ihn an. „Heute morgen. Die Frau hat mich geweckt weil sie wissen wollte wie es mir geht. War so gegen halb 6 glaub ich zumindest. Hab nicht auf die Uhr geschaut. Haben wir heute Donnertag?“
„Ja es ist Donnerstag. Sie haben den Mittwoch komplett verschlafen. Sie gehören zu den Menschen die viel schlafen wenn es ihnen nicht gut geht?“ fragt er mich.
„Hab mal gelesen. Schlafen wäre die beste Medizin. Da sich der Körper dann gut erholen kann.“, antworte ich und mir dämmert da etwas.
„Das ist das beste was sie machen konnten. Damit haben sie die Nebenwirkung von der Beruhigungsspritze verschlafen. Glückwunsch. Aber wie geht es Ihnen heute?.“ fragt er
Ich berichte ihn von meinen momentanen Zusatz. Das erzähl ich, auf seinen Nachfrage, von dem Job. Den häuslichen Gegebenheiten. Erzähl so ein klein wenig über mein Leben. Hobbys, Ziele, Wünsche und die Aussichten diese Wünsche zur Realität werden zulassen. Irgendwie hab ich zu dem Arzt Vertrauen gefunden. Er hebt nicht den Zeigefinger, wenn man von Augenbraunzucken besieht. Wenn ich mir wieder eine neue Kippe anzünde. Gibt mir Ratschläge, mehrere Rezepte. Ein paar Tabletten für den heutigen Tag. Und verabschiedet sich dann, nachdem wir einen Termin für Freitag ausgemacht haben. Die Krankmeldung an die Firma wird direkt von seiner Praxis verschickt. Darum muß ich mich nicht kümmern. Überhaupt hab ich die nächsten 3 Wochen nicht an die Arbeit zu denken. Es wäre die zeit mit den schlimmsten Rückfälle und einen weiteren Nervenzusammenbruch.
Ich begleite ihn zur Tor. Schaue zu wie die Schwiegermutter mit den Wuffschnutten auf die morgendliche Gassirunde geht. Ich setzte mich an den MacBook um den Mittwoch schriftlich aufzuschreiben. So wie ich ihn für mich ganz alleine erlebt hatte. Auch wenn es nur ein Traum war. Zwei Stunden später, fühle mich mit einmal unglaublich müde. Klapp den Mac zu, räume noch draußen meinen Lieblingsplatz auf. Und schleiche ich in mein Bett. Deck mich zu, wünsche mir einen Traum mit Olga und Tanja.
Am späten Abend wache ich auf. Frau liegt im Bett. Ihre Meckerei, das ich schon wieder im Bett lieg und die Spülmaschine nicht ausgeräumt ist. Hab ich nur im kurzen Halbschlaf mitbekommen. Und einfach ignoriert. Nicht nett spart aber Nerven. Und die brauch ich ja.
Ich schleich mich aus dem Haus in Richtung Lieblingsplatz im Garten. Zigaretten, MacBook, und 3 Dosen alkoholfreies Radler sind mit dabei. In der Ruhe der einbrechenden Nacht, kann ich gut den Mittwochsartikel zu Ende schreiben.
Kaum sitze ich, kommt der Nachbar an. Auch er und seine Familie gehören zu den Neuzugezogenen im Dorf. Was bedeutet, er bekommt den Klatsch und Tratsch nicht mit. Wahrscheinlich interessiert er sich genauso dafür wie ich. Überhaupt nicht. In seiner Hand zwei Flaschen Bier.
Er erzählt, wie er mich entdeckt hat. Als ich wild rufend übers Garagendach getanzt hab. Und mir dabei die Klamotten von Leib gerissen hätte. Wie er mit hinterher gerannt ist. Um mich nach Hause zu bringen. Die Fahrt im Bus, die Polizei. Wie der Arzt gekommen ist. Und man mich nach Hause gebracht hat. Und ins Bett gelegt habe. Dann hat er die Türe hinter sich zugemacht, weil keiner im Haus war. Wie er Abend versucht hatte meine Frau zu informieren. Doch sie hat nicht geöffnet.
Und fast zu Schluß sagt er einen Satz. Der mir die Gewissheit gibt. Das die ganze Sache am Ende nur sehr wenige Personen kennen. Und darüber für immer schweigen werden.
„Du kannst dem Arzt vertrauen. Er ist sehr gut. Und hilft dir bis zum Schluß. Mir hat er in deiner Situation vor Jahren auch geholfen. Ich hab sowas auch durch.“

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