Der Tag

Langsam schlage ich die Augen auf. Meine Hand taste auf dem Nachtkasten herum, bis sie die Brille findet. Auch, wenn die Augenlider noch ein wenig schwer sind. Ich bin wach. Noch nicht hellwach aber wach. Die Brille auf die Nase setzend, schwinge ich mich aus dem Bett. Am Fenster schieb ich die Vorhänge beiseite. Wie ich diese Vorhänge als Kind gehasst habe. Rotweißes Karomuster, so kitschhaft, so klischeehaft und doch musste ich hier in meinem kleinen Hexenhaus, genau diese Vorhänge haben.

Überhaupt sieht es hier aus wie in meinem Heimatfilm. Solche Filme die Oma immer gern gesehen hat. Helles Holz im ganzen Raum. Es macht warm, es macht wohnlich. Mein Blick fällt aus dem Fenster. Nebel liegt über dem See. Doch die Sonne lugt schon ein wenig durch. Ruhig ist es und sanft. Ruhig und sanft.

Ich ziehe mir einen dieser unsäglich hässlichen Jogginganzügen an. Diese Teile waren noch nie schön, dafür aber warm und unglaublich bequem. Ich grinse vor mich hin. Alles kommt im Leben irgendwann mal wieder. Jogginganzüge, Unterhemden, schwere Wanderschuhe und Mützen. Alles das was ich früher nie möchte. Und in der Jugend nie angezogen habe. Was für einen Blödsinn man in der Jugend und später macht. Schick aussehen aber frieren. Ein völliger Nonsens. Heute sieht man das anders. Sehe ich das anders. Ich muss keinem gefallen, ich muss es nur warm und bequem haben. Zweckmäßigkeit vor Design.

Ich steige die Stiege runter in die Küche. Auf den Tisch steht die Kanne mit frischem Kaffee. Sonst ist keiner zu sehen. Sonst ist morgens um diese Zeit nie jemand zu sehen. Meine Frau, die meist 1 Stunde vor mir aufsteht. Ist schon mit den Fellnasen unterwegs. Die drei werden irgendwo im Wald unterwegs sein. Zwei bis drei Stunden gehört mir jetzt das Haus ganz alleine. Mit seiner himmlischen Ruhe.

Ich schenke mir einen kleinen Schluck Kaffee ein. Mit ein klein wenig Zucker und etwas mehr Milch. Stell mich ans Fenster und lass meinen Blick wandern. Der Rasen, welcher schon wieder viel zu hoch ist. Glitzert feucht im Morgenlicht. Nachdem der Kaffee leer ist, nehme ich Jacke, Mütze und meinen kleinen Rucksack. Sperre das Haus ab. Schuhe, Jacke, Mütze und Rucksack sind schnell angelegt. Das Fahrrad lehnt am Haus. 50 Meter Weg bergauf. Trennen mich noch von der hektischen Welt. Es sind nur 50 Meter durch unseren eigenen kleinen Wald. Kein richtiger Wald, nur Baumreihen. Die den Lärm der Straße zurückhalten. Noch heute kann ich es nicht glauben, wie wir zu diesen schönen Fleckchen Erde gekommen sind. Ein großes Grundstück mit einem kleinen Haus, ein wenig Wiese vor der Veranda und ein kleiner Steg am Ufer. Dazu Bäume, viel Bäume.

Oben auf der Straße angekommen, schwing ich mich aufs Rad. Zieh die Gartenpforte zu und radel los. Knapp 45 Minuten dauert es, trotz sportlicher Fahrweise, als im beim Bäcker ankomme. Ich könnte zwar zu einem anderen Bäcker fahren, doch als Sportmuffel hab ich mich für den Bäcker entschieden, der weiter weg ist. Nur im Winter bei Schnee und Eis fahre ich zu den anderen Laden. Wir haben also ein 3: 1 Bäcker.

Im Laden angekommen höre ich mir erst einmal geduldig den neusten Dorfklatsch an. Vor ein paar Monaten verstummten die Gespräche noch. Als ich den Laden betrat. Ich war schließlich der Ausländer, der dazu gezogene. Es machte mir nichts aus. Inzwischen hat man sich an uns gewöhnt. Zwar werden wir immer die Piefkes bleiben, aber inzwischen haben wir viele tolle Menschen kennengelernt. Vielleicht liegt es auch daran. Dass kein Mercedes vor der Türe bei uns steht, sondern nur ein alter russischer Geländewagen. Und ein etwas größerer japanischer Allradkombi.

Mit 4 Brötchen und einem Laib Brot geht es nebenan zum Fleischhauer. Ein wenig Aufschnitt für uns, ein Tüte-Knochen für die Vierbeiner. Landen im Rucksack bevor ich mich wieder auf den Heimweg mache. Der Rückweg dauert ein wenig länger. Ich radel zum Dachdecker, mit dem ich noch etwas besprechen muss. Schau bei der Sparkasse vorbei. Und treffe den Nachbarn, der sich um meine Bäume kümmert. Er schaut nach den Bäumen und bekommt dafür, bis auf einen kleinen Teil, das Brennholz. Man hilft und unterstützt sich in der Nachbarschaft.

Zu Hause angekommen, begrüßen mich zwei Fellnasen mit übersprudelnder Lebensenergie, bevor ich meine Frau begrüßen kann. Um dann gemeinsam zu Frühstücken. Nachdem Frühstück setz ich mich bewaffnet mit Kaffee, Laptop auf die Veranda. Hier draußen in der frischen Luft kann ich am besten schreiben. Im Winter sieht das wahrscheinlich absolut doof aus. Aber ich seh mich ja nicht, dann im dicken Gewand gut verpackt sitzen. Jetzt kann ich E-Mail lesen und beantworten. Den einen oder anderen Artikel schreiben. Um anschließend bis zum Mittagessen, an meinem neuen Kriminalroman zu schreiben. Und während ich vor mich hinarbeite. Erledigt meine Frau ihre Sachen.

Nachdem Mittagessen, was meist nur eine gute Brotzeit ist. Mal mit Suppe, mal mit Brot und Wurst. Kommt die Zeit der Mittagsruhe. Für mich bedeutet das ein einspannendes Schläfchen. Um den Kopf freizumachen. Soll der Tag doch erst am Nachmittag weiter gehen. Mal müssen Besorgungen gemacht werden, Material für Haus, Hof und Hobbys. Mal muss es zum Tierarzt. Doch meist ist es die ganz normale Hausarbeit, der die Vorbereitung oder Nacharbeit des Vergangenen Fotoshooting erfolgt. Vor dem Abendbrot geht es zusammen mit den Fellnasen auf Tour.

Wieder zu Hause machen wir gemeinsam das Abendessen. Meist kochen wir zusammen, selten bereitet einer alleine das Essen zu. Nachdem der Abwasch gemacht wurde. Und die Tiere versorgt sind. Fängt das Abendprogramm an. Ich mach mich auf zu meinem Freund Axel. Einem begnadeten Landschaft und Produktfotografen. Der mir einen Raum in seinem Studio zur Verfügung gestellt hat. Ein eigenes Studio ist mir zu teuer, da es die meiste Zeit nur leer stehen würde. Bei Axel kann ich an meiner Art der Peoplefotografie arbeiten. Nachdem das Shooting beendet und das Model gegangen ist. Schau ich Axel bei seiner Arbeit zu. Dabei reden wir über Gott und die Welt und planen eine neue Fototour.

Den Rest des Tages lass ich beim Betrachten der Bilder mit einem Glas Rotwein ausklingen. Dabei wird das eine oder andere Bild noch fertig bearbeitet. Der nächste Bildband fertiggestellt. So geht ein ganz normaler Tag zu Ende.

Und morgen beginnt ein neuer ganz normaler Tag, der sich in einzelnen Punkten unterscheiden wird. Doch im Ablauf ändert sich nicht.

Gute Nacht.

 

 

Der Text entstand nach einer Idee von Caroline Caspers Blogbeitrag „Gute Übung“. Beschreibe einen ganz normalen Tag in 10 Jahren. An dem einen oder anderen Punkt der Vorgaben, habe ich mich bewust nicht gehalten. Den mein ganz normaler Tag braucht keine Uhrzeiten. Auch wenn dieser ganz normale Tag ein Traum sein wird. Doch sind es Träume. Die uns Zeitlebens antreiben.

 

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Abenddämmerung über Wien