Zweifel

Lange, sehr lange hab ich mit mir gerungen, ob ich dieses Bild jemals veröffentlichen soll. Hab einen guten Freund gefragt, hab wieder nachgedacht. Und es kamen neue Zweifel.

Was kann man zeigen? Welche Bilder verstören den Betrachter? Darf man sowas zeigen? Überschreitet man eine Grenze? Verletzt man Gefühle? All das ging durch meinen Kopf und machte die Entscheidung nicht leichter. Nein bis heute hab ich für mich selbst keine wirklichen Antworten gefunden. Bin in einigen Fragen kein einzigen Schritt weiter gekommen.

Unsicher und verstört hab ich versucht die Menschen zu finden. Die ich gerne gefragt hätte. Ob sie Einwände gegen die Veröffentlichung haben. Auch wenn des Ereignis inzwischen 50Jahre zurückliegt. Es ist mir nicht gelungen. Und hat wieder Zweifel zurückgelassen.

Es stellte sich dabei auch eine neue Frage. Wie reagieren Eltern auf dieses Bild? Eltern die einen solchen Schicksalsschlag nicht erleben mussten. Eltern, die das Glück hatten, das ihre Kinder leben. Und wie reagieren Menschen, die genau das erleben mussten. Ich kann es nicht beantworten. Wahrscheinlich wird es keiner endgültig beantworten können.

Was darf man als Fotomacher zeigen? Was nicht? Auch auf diese Frage gibt es Millionen Antworten welche am Ende immer noch Zweifel hinterlassen. Oftmals mehr Zweifel als Antworten. Wo fängt Kunst, Journalismus, Dokumentation, Selbstdarstellung, Sensationsgeilheit, Meinungsmache an und wo hört das ganze auf. Die Grenzen werden schwimmend sein. Nicht klar definiert.

Sicher ist nur eines. Jeder der Bilder macht, ist eine Art von Exhibitionist. Nicht das er sich öffentlich entkleidet. Nein das nicht. Jeder Fotomacher möchte seine Werke zeigen. Der Welt um die Ohren hauen. Mal um zu schockieren, mal um sich ins gleißende Licht der Selbstdarstellung zu stellen, mal um zu dokumentieren. Oft um eine Botschaft zu verbreiten. Noch öfters die Leiter des Ruhmes aufzusteigen. Selten einfach nur eine Art von Kunst zu machen.

Sind wir mal ehrlich zu uns selbst, werte Bildermacher. Keiner aber auch wirklich keiner fotografiert nur für die eigene Festplatte, das eigene Fotoalbum. Wir alle die eine Kamera in der Hand halten, möchten etwas festhalten, um es später zu zeigen. Und wenn es nur im kleinen Familien und Freundeskreis ist. Dabei ist es vollkommen egal, ob es eine ultrateure Kamera oder nur das Handy ist. Wir Bildermacher wollen unsere Arbeit zeigen. Davon kann und will ich mich selbst nicht ausschließen. Darf ich mich nicht ausschließen.

Was mich bewegt hat genau dieses Bild zu machen, bewegt hat noch weitere Bilder dieser Art zu machen. Ich kann es nicht beschreiben. Ich wusste nur eines in dem Moment genau. Es wird mich beschäftigen. Nicht nur ein paar Minuten eher mehr Tage wenn nicht gar Wochen. Wie sehr es mich beschäftigen wird, konnte ich nicht ahnen. Hätte ich nie erwartet.

Irgendwann in der ganze Gedankenwelt wurde nur klar. Wie hart und unberechenbar die Natur des Lebens ist. Wie unbarmherzig das Leben sein kann und auch ist. Age on Day.  Sicherlich gehört das Ableben genau so zu Leben wie die Geburt. Ist unumgänglich. Ist festgelegt vom ersten Atemzug. Doch nur einen Tag? War es schon Leben? War es schon vorbei bevor es anfing? Ist die Natur doch ungerecht? Oder ist der Mensch nur zu selbstgerecht? Bei der Eintagsfliege macht sich Mensch noch keine Gedanke, doch bei der eigenen Rasse, nein dem eigenen Spezies um so mehr.

Vielleicht mache ich mir zu viele Gedanken. Da das Thema Tod für mich nicht einfach ist. Sicherlich ist mir bewusst, das alles ein Ende hat. Da auch irgendwann für meine Lieben und mich selbst das Ende erreicht ist. Doch das Gehirn will sich mit dieses Thema nicht beschäftigen. Mag nicht daran denken. Verdrängt es immer und immer wieder. Selbst wenn ich schon in der zweiten Hälfte des eigenen Lebens bin.

All das beantwortet allerdings immer noch nicht die Fragen. Ob man das Bild zeigen kann, zeigen soll gar zeigen darf. Ohne damit Gefühle von vielen Menschen zu verletzten.

Am Ende hab ich mich nun doch entschieden, es zu präsentieren. Aus der Hoffnung heraus.  Sich selbst mit den Thema Leben und Tod zu beschäftigen. Ein jeder für sich, mit sich selbst. Habe mich entschieden es zu zeigen ohne eine Art von Sensationshascherei. Ohne zu sagen „schaut her was für geile Bilder ich machen kann“. Den dieses Bild, und viele weitere aus der Serie, sollen nur zum Nachdenken anregen. Nachdenken über sich, das Leben und das unendliche Glück unter den Lebenden zu sein.

Mir ist bewusst das dieser Text, dieses Bild verstören kann. Dazu ist das Thema sehr emotional. Gleichzeitig würde ich gerne Eure Meinung lesen. Wie Ihr selbst über die Veröffentlichung von solchen Bildern denkt.

Sollte durch einen Zufall. Ein Mitglied der Familie welche auf den Bild zu sehen ist. Diese Bild sehen und dabei den Wunsch haben.  Das dieses Bild nicht mehr angezeigt wird. So bin ich gerne bereit den Wunsch der Familie zu folgen. Auch bin ich bereit. Auf Wunsch der Familie Ihr dieses Bild zu geben.

Should be by chance. A member of the family that is seen in the picture. See this picture and have the wish That this picture is no longer displayed. So I am willing to follow the wish of the family. Also I am ready. To give this picture to the family at their request. (automatisch Translater by Deepl)


An dieser Stelle freue ich mich gerne über eine kleine Kaffeespende. Den Kaffee ist der Energiespender aller Künstler in jeder Jahreszeit. Besonders für die, die keinen Alkohol trinken. Per Paypal einen Euro für einen Kaffee.


Age one Day

24 Kommentare

  1. Hallo Lars, bin durch Zufall auf dein Foto mit dem Grabstein gestoßen. Solch ein Schicksalsschlag ist mir selber widerfahren, als unser Sohn im Alter von zwei Jahren im Urlaub in Holland ertrunken ist. Natürlich habe ich auch unseren Grabstein fotografiert. Das Besondere an deinem Foto ist ja offensichtlich der Umstand, dass das betroffene Kind nur 1 Tag gelebt hat. So etwas im Foto festzuhalten ist ganz in Ordnung.
    Aber was mich ehrlich gesagt doch ein wenig stört, ist die Tatsache, dass manche Fotografen mehr oder weniger bekleidete Models auf Friedhöfen posieren lassen und dann fragwürdige Fotos davon schiessen. Das ist mehr als fragwürdig. Lg Ralph

    Gefällt mir

  2. Hallo Lars, dein Foto trägt dazu bei, den Tod und das Sterben endlich wieder in unseren Alltag zu integrieren statt ihn wie so oft als Tabu zu behandeln. Danke dafür und liebe Grüße, Annette

    Gefällt mir

  3. Lieber Lars.
    Der Tod gehört nunmal auch zum Leben und dessen sollten wir uns immer bewusst sein.
    Auch wenn Friedhöfe und Gräber nicht so wirklich zu meinen liebsten Foto-Objekten zählen, sind diese „neutralen“ Fotos kein Problem für mich. Etwas anders sieht es dann aber bei Fotos von Gräbern Verwandter oder anderer tief im Herzen verankerter Menschen aus, die mich immer wieder sehr berühren.
    Liebe Grüße von Hanne und komm gut in die Woche 🍀🌼

    Gefällt mir

  4. Grabsteine erzählen Geschichten. Oft Geschichten, die erzählt werden wollen. Gegen das Vergessen, gegen das Verdrängen, für Mitgefühl. Sie sind ein öffentliches Zeichen für den Respekt und die Liebe, die dem Verstorbenen entgegengebracht wurden und werden, sei er nun 99 Jahre oder nur einen Tag alt geworden, denn die Intensität von Liebe, Schmerz und dem Vermissen bemisst sich nicht an einem Zeitenstrahl. Das gilt sogar besonders für diesen Stein, denn hätte man dieses Kindlein vergessen wollen, gäbe es ihn gar nicht. Und so ist es auch völlig in Ordnung, ihn bildlich festzuhalten und auch zu zeigen.
    Selbst für mich, für die nicht das Grab der Gedenkort ist, war es wichtig, aus ebenjenem Respekt und aus der Liebe heraus für das Grab unserer Tochter z. B. einen Stein aus ihren Lieblingsbergen heran zu schaffen und einen kleinen lesenden Buddha zum Zeichen ihres Ursprungs dort zu platzieren. Auch dass niemand dort vorübergehe und denke, sie sei für uns von geringem Wert gewesen. Das ist auch der einzige Ort, an dem es mir wichtig ist, was die Außenwelt bewertet.

    Gefällt mir

  5. ich bin ganz ehrlich und mache immer einen großen Bogen um die Friedhöfe !!! Bilder dort zu machen ist Geschmacksache und muss jeder für sich entscheiden. Denke das ist eine Grundeinstellung zum Thema „Friedhof oder Tod“ !!!

    Gefällt mir

  6. Orte der Stille, wir hatten das Thema ja schon einmal.
    Kurze Geschichte dazu, es gibt seit langem eine ganze Reihe an Fotografen, die die Friedhöfe besuchen. Es ist wohl auch rechtlich geregelt wegen den Namen auf den Grabsteinen.
    Der Tod gehört eben zum Leben dazu.
    Für mich ist der Besuch immer bewegend.
    Andere Fotografen haben emotional damit kein Problem.
    Mich faszinieren oft die Skulpturen in Form von Engeln an den Grabstätten.
    Die Gedanken schweifen dann ab, welches Model hat damals dafür sich in Pose geworfen?
    Welche Gedanken hatte der Künstler?
    Schon bewegend wie Detailgenau manche Figuren sind. Schau ich mir gerne an.
    Die Fotos dazu, naja, nur wenige finden den Weg ans Licht. Aber sie sind für mich wertvoll.
    Es hilft den Tod zu verdrängen, jedenfalls für einen Moment.
    Dein Bild bewegt. Ich finde es gut, dass es den Weg auf deine Seite gefunden hat.
    Du bringst wieder eine neue Sichtweise in die Sache.
    Viele Grüße
    Günter

    Gefällt mir

    • Danke für deine Worte.
      Du kennst meine Gedankenwelt.
      Ich bin immer wieder erfreut über deine Worte.
      Egal in welche Richtung diese Worte gehen.

      Gefällt mir

  7. Hallo Lars.
    Ich verstehe deine Zweifel.
    Aber ich finde auch so etwas darf und soll gezeigt werden.
    Der Tod wird stets versteckt, verschwiegen.
    Wenn man ihn mit Respekt zeigt, so wie du, dann hat es seine Berechtigung.
    Alles hat seine Berechtigung, solange man mit den richtigen Gefühl an die Sache heran geht.
    LG, Nati

    Gefällt mir

Und was sagst du dazu :)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s