Rastlos

Gedanken rasen durch den Kopf. Locken den Selbstzweifel hervor. Drehen sich im Kreis. Lassen mich durchdrehen. Wecken Träume. Bringen Verzweiflung. Die Musik im Radio erzählen von Träumen. Spielen mit den Gedanken Achterbahn. Und bringen nicht neue Impulse. Lassen mich wieder in alte Denkweisen zurückfallen. Fördern weniger Mut. Dafür mehr Zurückhaltung. Das eigene Sein wird zur Frage.

Der Strom des eigenen Lebens zum Bächlein versiegt. Ohne Energie. Ohne die unendliche Kraft. Ohne die zerstörerische Energie des Willens.  Still und doch voller Tatendrang schlender ich durch die Gassen. Sehe Motive und übersehe viele andere. Steh am Fluss, der gerade nur ein Bach ist. Die Tausend Gedanken im Kopf verschwinden nicht. Bringen nur den Text eines Songs wieder in Erinnerung. Und wieder kommen die Selbstzweifel. Welche gar nicht weg waren. Nur in Hintergrund gewartet haben. Um die Laune, den Lebensmut unter null zu bringen.

Gefangen in der eigenen Welt. Einer Welt, die man an erzogen bekommen hat. Eine Welt in welcher man sein Tun selbst festgelegt hat. In der man langsam merkwürdig wird. Merkwürdig geworden ist. Im Spannungsfeld von Erwartung und Wünschen. Aufgerieben von den eigenen Vorhaben. Und den tatsächlichen Taten, zerfressen.

Das Bild nach außen muss gewahrt werden. Um jeden Preis. So taff, so kreativ, so strebsam, so loyal, so fleißig und überlegt. Blendet über das innere hinweg. Versteckt das weniger schöne. Schön glitzernd und zart. Doch kalt und hinterhältig wie Schnee in der Wintersonne. Mutlos, ideenlos, feige und kraftlos. Gegen den Strom der Erwartung. Engel und Teufel in dem eigenen Sein. Beide zusammen gefangen. Eingesperrt in der Komfortzone. Aus der es irgendwie kein Entkommen gibt.

Der Realist hält den Revoluzzer im Zaum. Last Träume entstehen. Um sie wenig später als unsinnige Seifenblase zerplatzen zu lassen. Träume zerschellen an der Wand der eigenen Komfortzone. Und machen am Ende unzufrieden.

„Lebe deinen Traum. Lebe dein Leben.“, sagen sie alle. Alles nette Phrasen. Hat man doch Verpflichtung. Hat man jedoch einen Auftrag. Beides selbst gewählt. Und die Entscheidung nie bereut. Im Gegenteil. Man liebt es so sehr. Das Kind wurde vorher nicht gefragt.

Das eigene über das ander zu stellen. Doch nur Egoismus. Der Zeitgeist einer verlorenen Generartion. Verloren zwischen Erwartung und Lebensidealen.

Künstler will er sein. Kreatives schafen. Zum Nachdenken anreden. Zum Diskutieren anleiten. Doch der Realismus in seinem Kopf bremst aus. Zu wenig involviert. Zu sehr materalisiert. Verzicht auf Technik fällt schwer. Die Sucht braucht Nachschub. Für Nachschub braucht es Mittel. Der Künstler stribt an der Wirklichkeit. Ist scheinbar kein echter Künstler. Austauschbares Mittelmaß.

Zerplatze Träum erzeugen Wut und Depession. Doch depresiv man nicht sein mag. Versteckt sich hinter Nachdenklichkeit. Führt zu Trägheit. Welche als Faulheit angesehn wird. Konstrukte Gedankengebilde schränken die Handlungsfähigkeit ein. Lähmen bist zu Bewegungslosigkeit. Fördern neue Konstrukte im Hirn. Ein fortwährender Kreislauf der Unzufriedenheit.

Streben an Anerkennung. Weckt den Künstler wieder. Zeitweiser Erfolg. Weckt den Übermut. Vergleich mit anderen. Lockt Selbstzweifel hervor. Mittelmaß. Austauschbar. Schnell vergessen. Euphorisch angefangen. Schnell gescheitert. Eigene Erwartung viel zu hoch. Stark gestartet. Schneller gefallen. Neubeginn und doch gescheitert.

Und wieder die neuen alten Fragen. Was muss ich tun. Was muss ich lernen. Was anders machen. Was muss ich ändern. Gang zurück. Vollgas vorraus. Auf das Liebste verzichten. Niemals. Aufgeben oder weiter Mittelmaß. Kunst begraben. Gesellschaftliche Erwartung erfüllen.

„Mach was aus deinem Leben.“, haben sie gesagt. Doch die Richtung blieb verborgen. Was tun. Die Antwort blieb schuldig. Kunst und Armut. Waren keine Option. Karriere der Richtungsweiss. Haus, Auto der Lebensinhalt. Doch nicht meiner.

Am Anfang des Endes. Zuwenig vorweisbares. Gescheitert an den Vorgaben. Meine Vorgaben? Der Weg des geringsten Wiederstand. Braves Kind mit schwarzen Flecken auf der Weste. Zu wenig Eigenes. Zu wenig Mut. Zu sehr angepasst. Sinnlos. Erfolglos. Machtlos.

„Es könnte schlimmer sein.“, sagt man. Was ist schlimm. Wo die Grenzen. Das eigene Dasein doch gut. Nur nicht erkannt. Es einen Glück des andern Unglück.

„Jeder ist seines Glückes Schmied.“, sagen sie. Doch wie groß der Hammer. Wie gut das Eisen. Die länge das Feuers. Hat man nicht in der Hand. Dessen man ausgeliefert ist. Gnadenlos. Ersatzlos. Erfolg und Misserfolg. Ein Zufallsprodukt. Planlos. Unter Umständen. Erfolglos. Und oft. Glücklos.

Gedanken schweren Schrittes. Auf den Straßen des Städchens. Immer neben den Bach des eigenen Lebens. Zeigt sich das Städtchen in der Dunkelheit. Verschwimmen die Träume und Erfolge. Zum einer grauen Masse. Mit Lichtpunkten der Hoffnung. In weiter Ferne. Nicht Erreichbare Ziele. Verschlossen der Weg. Argwöhnisches Blicke über das Tun.

Am Ende des Tages. Wieder keine Antworten. Zweifel, Mutlosigkeit, Freude und ein wenig Zufriedenheit. Das eine oder andere Bild gelungen. Mal voller Licht. Oft dunkel.

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15 Kommentare

  1. Nein, nicht Erwartungen erfüllen, jedenfalls nicht die der anderen. Auch nicht, damit das Umfeld sich wieder wohler fühlt. Nach meiner Erfahrung kann man nicht einfach aussteigen aus einer solchen Gedankenblase. Jedenfalls nicht, wenn man sie wirklich überwinden will. Sie ist ja noch immer da, nur in eine Ecke geschoben. Jeder hat das Recht, sich auch mal ganz in sein Elend fallen zu lassen, sich richtig leid zu tun. Da muss man durch – und ich meine hindurch – danach geht es meistens besser und das Eigenbildnis nähert sich wieder der Realität an.
    Ich habe jedenfalls die Erfahrung gemacht, wenn ich nicht verdränge, alles Quälende nahtlos und exzessiv aneinander reihe und für eine Nacht ein totales Selbstmitleid zelebriere, lichtet es sich im Morgengrauen und mit der ersten Tasse Kaffee blicke ich hoffnungsvoll in die Zukunft und mit Selbstliebe und Nachsicht auf meine Nacht zurück.
    Hier eine Kurzgeschichte zum Thema:

    „Der Tisch

    Die letzte Nacht – morgen Abend wird er nicht mehr hier sein!
    Dann werde ich endgültig ohne meine stets zuverlässige Stütze und den treuesten Gefährten über viele Jahre hinweg auskommen müssen. Nein, es war nicht alles Schmerz und Kummer im Laufe dieser Zeit; unbeschwerte, fröhliche, von Glück überladene Sommer habe ich mein eigen genannt, angekündigt schon durch einen berauschenden Frühling, der die kommenden Freuden bereits ahnen ließ. Der Herbst darauf kein Abschied , sondern in seiner Sinnenfülle und Farbenpracht ein aufregendes Versprechen, dass all dies Schöne sich wieder einstellen werde. Im Winter das Haus angefüllt mit Geschichten und Gelächter, die sich in frohen Gesichtern widerspiegelten.
    Aber das war damals – so damals, dass das Andere jetzt überwiegt. Trauer und Verbitterung haben sich in meine Seele gegraben. Ein Bewusstsein der Sinnlosigkeit allen Tuns, wie ich es bei mir niemals für möglich gehalten habe. Man sollte meinen, die Erinnerung versöhne mit den mageren Jahren. Was aber, wenn diese von einem verstörenden Erwachen ausgelöst werden, keine Erlösung in Sicht ist und weitaus länger schon andauern als die fetten? Sobald in der ausgezehrten Seele immer klarer das Bewusstsein des endgültigen Scheiterns hervortritt und die verbleibende Zeit so knapp ist, dass eine Umkehrung unmöglich wird, gibt es nichts mehr zu hoffen.
    Dieser große, runde Eichentisch ist das letzte Überbleibsel aus den Jahren des Überflusses und nun muss ich auch ihn verkaufen. Wäre da nicht das Gefühl in mir, dass ich damit endgültig sämtliche Erinnerungen verscheuere, die mich an diese Welt noch binden, es kümmerte mich nicht ein bisschen. Den anderen so genannten Antiquitäten habe ich keine Träne nachgeweint. Sie waren lediglich Objekte von materiellem Wert ohne Bezug zu mir und ich brauchte das Geld.
    Es ist jedoch nicht meine finanzielle Misere, die mich ausgetrocknet und mutlos gemacht hat – oder doch – vielleicht – ein wenig. Eine endlos lange Reihe von schmerzlichen Verlusten zieht sich durch mein Leben und jedes Mal bröckelte ein Stückchen meines Herzens ab. Und es ist eben einfach nichts mehr übrig.
    Denkt jetzt nur nichts Falsches! Ich bin eine Kämpferin – bin die Kämpferin schlechthin. Wild um mich gebissen und besonnen taktiert habe ich, gegen Vieles und für Alles, was mir jemals wichtig war. Die Schlachten gewonnen und dennoch verloren. Die Kraft zu einem Neuanfang blieb mir erhalten, weil es jedes Mal ein neues Ziel gab. Nun sind sie restlos aufgebraucht, die Ziele und mit ihnen die Kräfte.
    Weder den Umständen noch den Menschen in meinem Leben kann ich für meinen Zustand die Schuld geben, alles ist durch mich selbst verursacht in vollem Bewusstsein und in dem Bestreben, durch Stärke und Wahrhaftigkeit Zeichen zu setzen.
    Fünf Kinder, zwei Männer, Ziehkinder und Freunde, alle sind aus meinem Leben gegangen, gestärkt und mit der Wahrheit, nur sich selbst gegenüber verantwortlich zu sein. Fast scheint es, als seien sie alle nur ein Tagtraum gewesen im Leben einer vereinsamten Frau, die gerne bedeutend gewesen wäre. Ich hätte wohl rufen sollen: Hallo, ich bin auch noch da, vergesst mich nicht! – oder: Ruft doch mal an! Aber ich kann nicht bitten, jedenfalls nicht für mich selbst. Und dennoch; mein Handeln war richtig, nur das Ergebnis ist falsch.
    Der einzige Zeuge jener nun so fernen Zeit ist dieser mein Tisch, der alles in seinem Holz aufgesogen hat: Lachen, Tränen, Tinte und Spaghetti-Soße, mitunter auch wütende Fausthiebe, die helle Stellen hinterließen. Auch die kleinen Kerben von Kindermessern sind noch da und an seinem Fuß die Spuren von Hundezähnen und –krallen. Die Last meines Gewichtes hat er getragen, wenn ich hochschwanger nur auf dem Stuhl kniend mich auf ihn legte, weil dies die einzig noch erträgliche Stellung war. Schreckliche Wahrheiten zu begreifen und schwere Entscheidungen zu treffen half er mir, während meine Fingernägel sich in sein Holz bohrten und er meinen Händen Halt gab. Hier fand es statt, das Leben einer großen Familie in einem offenen Haus. So hatte ich es gewollt und so hatte ich es geschaffen.
    Die Jahre, in denen die Kinder heranwuchsen, waren aufregend, erfüllend und voller Wärme. Wie ich sie geliebt habe, diese wunderbaren und klugen Menschlein mit ihren wachen Augen, jedes auf seine ganz eigene Art eine Persönlichkeit mit einem festen Willen. Manches Mal waren die Gefühle so überwältigend, dass ich schwermütig und angstvoll wurde. Meist jedoch tobte das Leben fröhlich durch das Haus und die anliegenden Wiesen und Felder. Nur der Mann erwies sich langsam immer mehr als Lügner und Tyrann. In seiner wachsenden Unzufriedenheit wurde er bösartig und gemein. Er reagierte seine Wut an den Schwächsten ab. Das war ein Fehler – er musste weg.
    Niemand durfte meinen Kindern wehtun. Wenn ich es bedenke, so waren es immer nur meine Kinder, ganz allein. Zuerst versuchte ich ja noch zu diskutieren, um ihn von seinem zerstörerischen Handeln abzubringen, aber das war müßig. Er, der Herr, beging keine Fehler. So war die Trennung für mich beschlossene Sache und nichts in der Welt konnte mich davon wieder abbringen. Natürlich war das weder einfach, noch ging es ohne größere seelische und körperliche Verletzungen ab. Aber der Tag kam, an dem er endgültig ging.
    Darauf folgte zwar erst einmal finanzielle Not, aber wir waren frei und wieder froh. Die Älteren hatten sogar gleich bessere Schulnoten. Dummerweise hatte ich meinen Beruf aufgegeben und jahrelang im Geschäft meines Mannes ohne Anstellung gearbeitet, deshalb musste ich in verschiedenen Bereichen jobben. Das machte mir nichts aus, wir kriegten es irgendwie immer hin. Das Wichtigste blieb für mich, dass meine Kinder ungebeugt, mit einem freien Geist und selbstbestimmt ihr Leben aufbauen konnten. Einschränkungen würde es später noch genügend geben, bis dahin wären sie aber stark genug, um die Konsequenzen ihres Handelns zu tragen. Dafür wollte ich ihnen Beispiel sein. Ich lebte ihnen vor, dass man immer wieder von vorn beginnen kann. Geht nicht gibt’s nicht – das war mein Leitsatz. Für das, was einem wirklich wichtig ist, kann man jederzeit Kräfte mobilisieren und mit der nötigen Anstrengung erreicht man jedes Ziel.
    Die Entwicklung der langsam älter werdenden Kinder war eine Freude, sie zeigten immer mehr Talente und waren stets wissbegierig. Unser Haus blieb eine Art Begegnungsstätte vieler Altersstufen und Kulturen, die wahren Freunde blieben mir auch in den Zeiten der Not erhalten, neue kamen hinzu. Es wurde viel erzählt und diskutiert, wer Hilfe oder Rat benötigte, konnte sich an mich wenden. Auch das Tanzen und Lachen, Musik hören und Musik machen gehörte zum Tagesablauf – eine unbeschwerte, glückliche Zeit.
    Was die Zukunftspläne betraf, so war es mir nie wichtig, welchen Schulabschluss eines meiner Kinder machte oder ob sie einen ein angesehenen Beruf anstrebten. Sie sollten sich das aussuchen, was sie auf Dauer glücklich machte. Hauptsächlich sollten sie anständig und ehrlich ihren Weg gehen. Ich hatte niemals Zweifel daran, dass jedes seine Berufung finden würde. Auch regte ich sie dazu an, sich nicht zu früh festzulegen, lieber sollten sie mehrere Dinge ausprobieren. Natürlich bedeutete das für mich erhebliche Opfer, aber die war ich bereit zu erbringen.
    Und dann der Tag, an dem die Liebe meines Lebens sich einen Weg zu mir gegraben hatte. Der zweite zwar und doch der Erste, denn nie zuvor hatte ich in einem solchen Ausmaß geliebt und war auf diese Weise auch selbst noch nicht geliebt worden. Endlich wurde ich geachtet, beschützt, bewundert; grenzenloses Vertrauen wurde mir entgegen gebracht und ich erwiderte dies. Auch ich konnte nun einmal klein und schwach und traurig sein, ohne in seinen Augen an Bedeutung zu verlieren. Ich lernte im Kummer zu weinen, was ich seit meiner Kindheit nicht mehr gekonnt hatte. Er liebte meine Kinder und teilte sich die Schulden mit mir. Am erstaunlichsten fand ich, dass er immer er selbst war und sich niemals anbiederte, um zu gefallen – nicht bei den Kindern, nicht bei mir und bei Anderen schon gleich gar nicht.
    Nach einer harmonischen Anfangszeit sperrten sie sich jedoch gegen ihn. Vielleicht war es Eifersucht oder sie fühlten sich bedroht, jedenfalls wirkten sie traurig und bedrückt, was sie widerspenstig machte. Die Mädchen nicht so sehr wie die Jungen. Meine Kinder aber sollten glücklich sein, zumindest nicht unglücklich durch meine Schuld. Ich hatte immer gesagt, Kinder könnten nichts für die Situation, in die sie hinein geraten, deshalb müssten die Erwachsenen die Opfer bringen, um die ihnen Anvertrauten vor Unheil zu bewahren. Da stand ich nun mit meinem brennenden Herzen – und wusste genau, was ich zu tun hatte. Also schickte ich ihn fort. Einen Tag und eine Nacht saßen wir am Tisch und redeten in dem verzweifelten Bemühen, noch eine andere Lösung für uns zu finden. Er sah mehrere Möglichkeiten, ich sah keine einzige. Auch konnte ich es ihm doch wohl nicht zumuten, nur zu arbeiten und auf Dauer ohne Anerkennung leben zu müssen. Eigentlich hätte ich ihn selbst diese Entscheidung treffen lassen müssen – das weiß ich heute – aber ich habe es nicht getan. Kein Tag ist seither vergangen, an dem ich ihn nicht schmerzlich vermisst habe, in den Nächten nagte die Sehnsucht an mir.
    Die Freunde erklärten mich für verrückt, die Kinder seien bald aus dem Haus und ich allein. Aber ich hielt dagegen, Kinder seien nie endgültig aus dem Leben verschwunden und kämen umso lieber zurück, als man sie nicht zu Besuchen und albernen Dankbarkeitsritualen zwinge. Ich hatte nie Forderungen dieser Art gestellt, meinen Geburtstag hatte ich stets als unwichtig abgetan, Muttertag gab es nicht. Freiwillig und aus einem inneren Bedürfnis sollte alles kommen oder eben nicht. Natürlich spielte sich „Eben nicht“ ein und ich werde nicht behaupten, es hätte mir nichts ausgemacht.
    Konsequent bemühte ich mich, ein fröhliches und unbeschwertes Familienleben aufrecht zu erhalten, was leidlich gelang. Über all diese Jahre hinweg stellte ich mich vor meine Liebsten und versuchte jeden Ärger von ihnen fern zu halten, holte sie möglichst aus jedem Schlamassel wieder heraus. Dabei steckte ich selbst in nicht geringen Schwierigkeiten und sah einer ungewissen Zukunft entgegen, was meine Geldangelegenheiten betraf. Übersetzungen, Lehraufträge und Putzarbeiten reichten oft kaum, um das Nötigste zu bezahlen. Als dann auch noch meine jüngere Tochter krank wurde und ich sie pflegen musste, waren Beschränkungen für die Geschwister unumgänglich. Die ältere Tochter nahm dies sehr übel und verließ unter Verwünschungen das Haus – ich habe nichts mehr von ihr gehört. Die Jungen hingegen waren hilfsbereit, unterstützten mich, bis sie ihr eigenes Ziel gefunden hatten.
    Ab und an erhalte ich Post mit Fotos der neuen Familien, die meine Jungen aufgebaut haben – aber ich konnte nie viel mit Fotografien anfangen, brauchte stets das direkte Leben. Sie denken wohl, es gehe mir gut, habe ich doch nie etwas anderes verlauten lassen. Vom alten Kummer haben sie sich befreit, sich etwas Neues, Eigenes erschaffen. Vollendet, was ich vorgab. Meine Wünsche haben sich erfüllt – aber so wollte ich es nicht!
    Morgen wird der Tisch abgeholt und ich werde endgültig aufgehört haben zu sein.
    Es wird langsam hell – das war jetzt anstrengend, aber heilsam. Ab und zu brauche ich eine Nacht der Schwarzmalerei und des vollkommenen, vernichtenden Selbstmitleids. Alkohol, Kaffee und Zigaretten unterstützen mich dabei und verhindern ein vorzeitiges Einschlafen. Danach wache ich auf wie aus einem bösen Traum und alles wird wieder zurecht gerückt. Solche Exzesse verhindern Verbitterung und die üblichen täglichen Unzufriedenheiten. Danach kann ich gestärkt von vorn beginnen. Der Tisch ist nur noch ein Tisch – es wird einen neuen geben. Alles nur Dinge – nicht wahrhaft wichtig! Meine Schulden bin ich endlich los, eine Anstellung habe ich auch in Aussicht. Die Kinder werden sich melden, wenn sie das Bedürfnis dazu haben – und ich werde mich tierisch freuen, mit ihnen zu sprechen. Ich koche mir Kaffee, genieße den Duft in vollen Zügen, die Sonne geht auf und ich freue mich auf den neuen Tag.“

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  2. Lieber Lars,
    Ich weiß sehr genau was Du meinst.
    Ich kenne jeden einzelnen Gedanken selbst nur zu gut.
    Sie sind völlig normal für kreative Köpfe. Ich selbst muss ab und an auch dadurch.
    Ich gebe dir den Rat und halte es durch. Die Fotografie ist nicht immer nur leicht und seicht. Manchmal ist sie schwer und belastend. Du bist alt genug und lange genug dabei, um es zu wissen und zu verstehen.
    Gerne eine Pause machen, aber immer die Fahne in den Wind halten. Da kommen neue Ideen, neue Projekte und neue Herausforderungen. Eine ist zum Beispiel, wie hält man das durch. Seit der Antike stellt man sich diese Frage. Die einzig richtige Antwort ist : mit Leidenschaft und Mut. Alles andere ist für Anfänger. Du bist kein Anfänger, sondern ein Könner.
    Grüße aus Schwerin von Herr Rausch

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      • Sprüche wie „Mach was aus Deinem Leben“ sind eine typische Phrase. Was soll ich denn draus machen? Haus, Boot, Frau? Geld? Materiellen Reichtum, Ruhm anhäufen? Was nutzt mir das alles letztendlich? Oder das tun, bei dem ich am Ende denke, es war in Deinem Leben nicht alles ok, aber ich würde es vermutlich bei einer weiteren Chance nicht anders machen. Den Augenblick genießen, die Tatsache, leben zu dürfen, Freude zu haben an dem was ich tue und mich umgibt. Klappt nicht immer, zu selten, ist leichter gesagt, als getan… Aber schon der Versuch ist es wert. Aus eigener Erfahrung – das Leben kann sehr sehr schnell vorbei oder nicht mehr so sein, wie man das gerne hätte. Also – unbedingt genießen… Apropos Kunst – Hesse hat z.B. in seinen tiefsten Krisen die besten Werke geschrieben. 👍

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      • Ja, diese Phrasen. Welche man in jungen Jahren ständig ertragen musste. Es prägt einen dann doch nachhaltig. Den Kopf immer und immer wieder zu heben, fällt an manchen Tagen sehr schwer. Mit Kraft und Energie aus der Krise… der Versucht ist es wert.

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  3. Eigentlich gefällt mir nur das Bild, aber nicht diese selbstzerstörerischen Gedanken, Zweifel und Ängste welche hier zu lesen sind… Und hoffe, wünsche dir von Herzen, dass es nur ein schlechter Traum ist oder war.
    Liebe Grüße von Hanne

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    • Selbstzerstörerisch? Oder nur realistische Einschätzung des ganzen? Danke für deine Wünsche. Hoffen wir das es nur ein Traum ist. Ein Alptraum der mehr Kraft gibt als Kraft kostet.
      VLG Lars

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      • Das kannst nur du selbst wissen und auch entscheiden was daraus wird am End, denke ich.
        Sich runterziehen oder runterziehen lassen hat noch nie geholfen, sondern nur blind für das Wesentliche, vor allem auch für die Freude an kleinen Dingen gemacht. Also Kopf hoch und raus aus dieser Gedankenblase!!! 🍀🌞

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