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Der Steg

Ich sitze auf dem alten Steg am See. Unter mir plätschert leise das Wasser. Schön ist es hier. So wunderschön und ruhig. Die Weide spendet Schatten dort wo ich den Liegestuhl aufgestellt habe.
Es ist wie im Traum. Der See, in dessen Wellen die Sonnenstrahlen tanzen, der so groß ist, das man kaum die Häuser am anderen Ufer sehen kann. Doch nicht so groß um den Eindruck zu bekommen man wäre am Meer. Türkis blaues Wasser, so frisch und doch so kalt.
Ich dreh mich leicht um. Hinten am Steg, ca.4 Schritte über den Rasen, steht das Häuschen. Kein Palast aber geräumig. Kleines Wohnzimmer mit Kochnische, Bad mit Wanne und eine Schlafkammer. 40qm mehr braucht es nicht um glücklich zu sein. Ein schöner alter Kachelofen reicht um auch im Winter das ganze zu beheizen. Strom ist vorhanden und damit auch warmes Wasser. Telefon gibt es nicht, das wenige kann man auch per Handy machen. Und es herrscht eine Himmlische Ruhe. Die Straße nach Mondsee ist nur 50 Meter entfernt, doch die kleinen und großen Bäume filtern den Lärm so gut weg, das ich oft der Meinung war, ganz alleine hier zu sein.
Seit 4 Wochen bin ich jetzt hier. Bin zur Ruhe gekommen. Kann die Gedanken frei fliegen lassen. Es ist der pure Luxus, einfach zu leben. Ohne Uhrzeit, ohne Termine.
Das Rauschen des Windes in den Bäumen ist wie Musik. Das Plätschern der Wellen an den Steg hat mich schon oft einschlafen lassen.
Ich bin hier, so wie ich es mir immer erhofft hatte. Geh zu Bett wenn ich müde bin, esse wenn ich Hunger hab. Sitz am See zum Schreiben oder Wander durch die Berge wenn ich fotografieren will. Nur zweimal war ich beim Hofer einkaufen. Zweimal waren genug um den Stress und die Hektik der Gesellschaft zu ertragen. Brot, Wurst, Butter, Limonade und Tabak. Dazu ein paar Flaschen preiswerten Rotwein.
Seit ich hier bin, hab ich es mir zur Gewohnheit gemacht. Abends wenn die Sonne hinter den Bergen untergeht. Ein kleines Glas Rotwein zu trinken. Soviel Rotwein das jeder Gast den Wirt in der Wirtschaft verklagen würde. Doch mir reicht es. Der Rotwein, eine selbst gedrehte Zigarette. Dabei kann ich wunderbar meine Texte lesen. Die Texte die ich am Tag geschrieben habe. Mal sind es neue Blogbeiträge. Mal sind es Meinungen zu anderen Texten von anderen Bloggern. Mal sind es Kommentare bei Facebook. Doch ganz oft sind es meine Geschichten über das Leben und den Menschen.
Hier am See oder in dem Häuschen, meinen Hexenhaus, wie ich es gerne nenne. Hier hab ich die Ruhe und die Abgeschiedenheit. Hier hab ich den Abstand zu allem. Hier kann ich das schreiben was mir durch den Kopf geht. Ohne das jemand auf die Uhr zeigt, mich antreibt.

Ich schaue über den See. Von Westen schieben sich langsam Wolken um die Bergspitzen. Überhaupt diese Berge. Sie sehen aus wie ein schöner runder Körper einer Frau. Nicht dick nicht dünn, genau richtig liegt die Frau mit den vielen Namen drüben an der anderen Seite des See. Fest und groß. Kalt und geschwungen. Meine Bergfrau. Wenn die Wolken über die Spitzen ziehen, sieht es aus als hätte sich die Frau angezogen. Als würde zarter Tüll um ihren Körper liegen. Sie will sich vor mir verbergen, wie ihre Intime Seite vor mir verstecken. Doch ich muß jedesmal lachen über ihre Schamhaftigkeit. Den morgen oder erst nächste Woche zeigt sie sich wieder in voller Pracht. Dann sind die Wolken weg.
Mein Blick wandert über das Wasser, schaut den Wellen hinterher. Schaut wie sie das kleine Boot, das abgesoffen halb unter dem Steg liegt, verstecken wollen. Ich weiß nicht wie lange das Boot da schon liegt. Als ich ankam lag es da. Ich meine, das es schon da lag. Hatte es selbst erst beim zweiten mal gesehen. Erst wollte ich es bergen. Doch inzwischen gehört es da unten auf den Grund. Oft kann man die Fischlein sehen die inzwischen in dem Boot wohnen. Und welches Recht hab ich, ihnen ihr Heim wegzunehmen. Bin ich doch selbst nur zu Gast an diesem Ort.
Und wie lange ich Gast sein werde das entscheidet nur der liebe Gott. Der auch entscheidet wie lange die Fischlein an meinem Boot wohnen werden.SONY DSC

Ich leg den Laptop zur Seite. Genug geschrieben heute Vormittag. Der Anblick meiner Bergfrau, der Fischlein und der Wellen haben mich müde gemacht. Mein Luxus. Einfach jetzt die Augen schließen und nur von dem warmen Wind umhüllt, werde ich mich ins Land der Träume zurückziehen. Später ist noch genug Zeit für andere Sachen. Jetzt beginnt mein persönlicher Luxus.

Ich höre meinen Namen, öffne die Augen nur leicht. Grelles Licht trifft auf meine Netzhaut. Es tut weh. Herr Döbler bitte. Ich höre die Stimme, die zunehmend gereizter wird. Ich stehe auf. Mühsam geh ich die paar Schritte, die sich anfühlen wie ein Marathon. Bis ich den Stuhl erreiche. Ich lass mich fallen und schließe die Augen. Dieses Licht, es tut weh in meinen Augen. Die Bergfrau erscheint in diffusen Nebel vor meinen Augen wieder.
„Was kann ich für sie tun, Herr Döbler?“ Höre ich wie aus der Ferne, wie als würde die Stimme über meine Bergfrau kommen. Wie als würde sie zu mir sprechen. Zum ersten Mal mit mir wirklich sprechen. Ich öffne langsam meinen Mund, suche nach Worten. Forme diese mit meinen Lippen.
„Doktor, diese Medikamente machen mich so unendlich müde. Ständig kämpfe ich mit der Müdigkeit. Aber ich muß doch arbeiten gehen.“

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8 Kommentare zu „Der Steg

Gib deinen ab

  1. Als ich den Titel gelesen habe, da hab ich mir nix dabei gedacht.
    Das Foto fand ich wirklich ansprechend.
    Heute Abend hab ich Zeit um die Geschichte dazu zu lesen……..
    Der Mondsee! Ich bekam eine zünftige Gänsehaut! Wir, meine Eltern und ich, sind über 30 Jahre an den Attersee gefahren, die schönste Urlaubszeit und allgemeine Zeit meiner Kind- Jugend- und Erwachsenenzeit!
    Du hast das so gefühlvoll be- und geschrieben das sofort viele, viele Bilder durch den Kopf liefen!
    Ich vermisse die Gegend dort, die Gemütlichkeit, das Runterkommen…….
    Da brauche ich wirklich nix anderes mehr, ausser ein leckeres Zipfer oder Stiegl.
    In Mondsee gibt es, übrigens, ein kleines Lokalbahnmuseum, die SKGLB, für mich als Freund der Eisenbahn,
    oft einen Besuch wert.

    Danke für dieses Kopfkino zum Dienstagabend!

    Viele Grüße
    Günter

      1. Es waren schon ein paar mehr Urlaube in dieser Region von Österreich. Und es werden nicht die letzten gewesen sein.

      2. ja die Seen dort kenn ich alle ! Mondsee, Attersee, Wolfgangsee, Fuschlsee, Hallstätter See, Traunsee und es gibt noch ein paar !!! Sehr schöne Gegend wenn das Wetter mitmacht !

Und was sagst du dazu :)

von Anders Noren.

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